Das Nordkap ruft: Drei italienische Reisen an das Ende der Welt

Drei Reisen, ein Ziel. Gianni Avvantaggiato, Gianluca Carletta und Fabrizio Sangiorgi berichten von ihren Erfahrungen und geben Tipps für dieses epische Abenteuer

Von James Gill

Das Nordkap ist ein beliebtes Reiseziel für alle Motorradfahrer, die Lust auf Herausforderungen haben. Am nördlichsten Zipfel Norwegens auf der Insel Magerøya gelegen, ist das Kap in der faszinierenden Landschaft mit den scharfen Klippen besonders unter dem zauberhaften Nordlicht von beeindruckender Schönheit, aber bei einem Wetterumschwung auch voller Tücken.

Aber warum fühlen sich gerade die Italiener so sehr von der Arktis angezogen? Die Gründe dafür sind vielfältig, aber nachvollziehbar.

“Mit dem Motorrad zum Nordkapp fahren zwar viele, aber noch lange nicht alle”, sagt zum Beispiel Gianni Avvantaggiato, ein 68-jähriges H.O.G.® Mitglied aus Bari. “Wenn Biker zum Nordkap fahren, dann ist das fast dasselbe, als wenn Katholiken nach Rom reisen oder Muslime nach Mekka pilgern. Es ist eine Wallfahrt – für den Geist, den Körper und die Maschine.”

Vielen kam die Reise in den hohen Norden während der Corona Pandemie in den Sinn. “Als ich sah, wie meine Harley® während des Lockdowns in der Garage geparkt war, machte mich das traurig und melancholisch”, sagt etwa Gianluca Carletta aus San Cataldo auf Sizilien. “Ich habe angefangen, mir Videos über das Nordkap anzusehen, und dabei gemerkt, dass eine Reise dorthin kein Wunschtraum bleiben muss. Es ist alles nur eine Frage der Zeit und des Geldes.”

Andere hatten ganz andere Gründe – wie Fabrizio, den seine Freunde “Bier” nennen. “Alle sechs Jahre”, sagte er, “werden meine Frau und ich geradezu magnetisch vom Norden angezogen. Ich weiß nicht warum. Aber dieses Mal war es anders als bisher. Es war das erste Mal, dass wir auf einer Harley hingefahren sind.”

Alle drei Reisen waren lang und kurvenreich, aber dennoch unvergesslich. Hier ist eine Zusammenfassung dessen, was die drei abenteuerlustigen Italiener empfehlen.

Höhepunkte der Reise

Öresundbrücke: von einer Welt in die andere
Wenn man Deutschland und Dänemark durchquert hat, kommt man zu einem der ersten atemberaubenden Momente der Fahrt, zur Öresundbrücke, die Kopenhagen mit Malmö in Schweden verbindet.

Bier beschreibt die Brücke als “den Übergang in eine andere Dimension. Das ist nicht nur eine Brücke – das ist ein Portal. Man schwebt hinüber nach Skandinavien, und plötzlich fühlt sich alles ganz anders an.” Hier beginnt sich die Szenerie zu verändern. In den Städten wird es ruhiger. Das Licht ändert sich. Man hat den Norden erreicht.

Höga Kusten: Schwedens Magie der Hochküste
Je weiter die Fahrt durch Schweden nach Norden führt, desto verkehrsärmer und einsamer werden die Straßen. Irgendwo nördlich von Stockholm beginnt sich die Landschaft zu weiten. Alle drei Fahrer legten in der Nähe von Kramfors in der Region Höga Kusten einen Halt ein – einem UNESCO-Weltnaturerbe, das für seine dramatischen Küsten, Felsvorsprünge und mit Kiefern bewachsenen Hügel bekannt ist.

“Es ist einer dieser Orte, an denen man sich im besten Sinne des Wortes sehr klein fühlt”, sagte Kate, Biers Frau und Co-Pilotin. “Es war auch das erste Mal, dass wir uns eine der skandinavischen Campinghütten gegönnt haben – die sind jede Krone wert, wenn die Temperaturen sinken.”

Santa Claus Village, Rovaniemi: Kitsch meets Charme
Man erwartet vielleicht nicht, dass an einer Biker-Wallfahrt der Weihnachtsmann beteiligt ist, aber es ist so. Im finnischen Rovaniemi – direkt am Polarkreis – findet man das bizarre und auf seltsame Weise wunderbare Weihnachtsmanndorf.

“Es ist kitschig, sicher”, lacht Gianluca, “aber es ist auch eine Art Wahrzeichen. Dort überquert man den Polarkreis. Es ist ein echter Moment auf dieser Reise.”

Bier stimmt zu. “Ich habe Fotos von meiner Harley vor dem Postamt des Weihnachtsmanns. Ich hätte ich nie gedacht, dass ich das einmal sagen könnte. Aber es ist ein lustiger Stopp und ein guter Ort, um zu verschnaufen.”

Die Rentier-Zone: traumhafte Geschöpfe in Bewegung
Sobald man Rovaniemi hinter sich gelassen hat, beginnen sich die Wälder zu lichten – und plötzlich sind sie überall. Rentiere. “Sie sind wie traumhafte Geschöpfe”, sagt Gianni. “Sie tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden dann wieder, und Du bist wieder allein mit dem Geräusch des Motors und Deinem Atem unterm Helm.”

Alle drei Berichte weisen darauf hin, dass man sehr vorsichtig sein muss. “Ich hatte immer zwei Finger an der Bremse”, sagt Bier. “Rentiere sind nicht gerade scheu, und sie schauen weder links noch rechts, wenn sie die Straße überqueren.”

Trotzdem ist es Teil der Magie, sie die Straße entlang ziehen zu sehen. Du weißt, dass Du definitiv nicht mehr im Süden Europas bist.

Die arktische E6: Motorradfahren am Rand der Welt
Auf der Strecke von Karigasniemi in Finnland nach Honningsvåg in Norwegen ändert die Straße ihren Charakter. Die E6 führt unmittelbar am Arktischen Ozean entlang, umrundet Klippen, durchschneidet Hügel und taucht gelegentlich in absolute Stille ein.

“Die E6 ist die schönste Straße, die ich je gefahren bin”, sagte Gianluca. “Es ist kalt. Es ist windig. Aber jede Kurve verleitet Dich dazu, stehen zu bleiben und zu staunen. Es fühlt sich an, als würdest Du durch einen Traum fahren.”

Gianni nennt es “eine Fahrt durch Gedanken und Träume, auf der Du in der Unendlichkeit der Welt verschwindest”.

Der Magerøya Tunnel: Eintritt in eine andere Dimension
Gegen Ende der E6 kommt man zum Nordkaptunnel – sieben Kilometer lang verbindet er unter dem Meer das Festland mit der Insel Magerøya.

Für Gianluca war dies ein Moment, den er nicht vergessen wird. “Du fährst durch diesen langen, dunklen Tunnel, und wenn er zu Ende geht, dann ist es, als würdest Du in einer anderen Dimension auftauchen”, sagt er. “Das Licht ist anders. Der Wind ist kälter. Du weißt, dass du nah dran bist.”

Es ist tatsächlich wie das Gefühl, heiligen Boden zu betreten.

Der Umweg über die Lofoten: für alle, die Zeit übrig haben
Bier und Kate sind auf ihrem Weg nach Süden eine großartige Schleife über die Lofoten gefahren.  “Die Straßen sind fantastisch – Kurven und Aussichtspunkte, Tunnel und Meer”, sagt Bier. “Selbst im Regen war die Strecke jeden Tropfen wert.”

Sie haben in einer winzigen Hafenstadt namens Svolvær gewohnt, wo es in einem lokalen Pub eine unvergessliche Fischsuppe gab. “Diese Suppe hat mir das Leben gerettet”, scherzt Kate. “Außerdem hat es dort ein anständiges IPA vom Fass gegeben. Das allein war schon ein Wunder.”

Was man einpacken sollte – von der Funktionskleidung bis zur Espressokanne

Zum Nordkapp zu fahren ist kein Sonntagsausflug. Es ist ein Test für Deine Ausdauer, Deine Geduld und Deine praktischen Fähigkeiten – aber es geht auch um Freude und Komfort unterwegs.

Alle drei Fahrer haben uns ihre wichtigsten Tipps fürs Packen verraten.

1. Funktionskleidung ist Trumpf.
“Wir reden nicht von dicken Pullovern”, sagt Gianni. “Man braucht leichte, aber warme Kleidung. Außerdem braucht man ordentliche Regenbekleidung und drei Paar Handschuhe – eines für Hitze, eines für Nässe und eines für Kälte.”

2. Bargeld ist tot.
“In Skandinavien wird zu 99 Prozent mit Karte bezahlt”, sagt Bier. “Selbst die Tankstellentoilette kann man meist nur kontaktlos bezahlen.”

3. Nimm eine Espressokanne mit. Ernsthaft.
Nicolas, Giannis Reisekumpel, hat einen Campingkocher und eine Caffettiera aus Bari mitgebracht. “Italiener können Regen, Rentiere und Kälte überleben”, sagt Gianni. “Aber schlechten Kaffee? Niemals.”

4. Buche im Sommer im Voraus.
“Campingplätze sind oft ausgebucht”, sagt Kate. “Wir haben Booking.com genutzt und hatten viel Glück. Und – diese Holzhütten? Ein Geschenk des Himmels.”

5. Kenne Dein Bike.
Biers neue Harley FLHX wiegt 100 kg mehr als sein bisheriges Motorrad. Er hat den Unterschied auf die harte Tour kennengelernt – auf einer Schotterstraße. “Wir sind umgefallen. Es ist kein großer Schaden entstanden, aber ich habe schnell gelernt: Du musst mit dem Bike klarkommen, mit dem Du unterwegs bist, nicht mit dem, das Du gewohnt bist.”

Wenn das Licht nicht ausgeht

Es gibt eine Sache, die man nicht verstehen kann, bevor man sie nicht erlebt hat: die Mitternachtssonne. “Es wird niemals dunkel”, sagte Gianni. “Du schläfst schlecht, Du isst zur falschen Zeit, Du verlierst jedes Gefühl für die Tageszeit. Aber die Sonne hält dich auf Trab – es ist wie ein Traum, der nicht zu Ende gehen will.

Das Licht der arktischen Nacht, das durch die Fenster der roten Hütten mit den grasbedeckten Dächern dringt, der Regenbogen, der auf jeden Regentag folgt. Nur Du und Dein Motorrad… Du lauschst seinem Sound, dem Motor, der unter den Trommelstöcken von Tullio de Piscopo immer weiter läuft. Eine Schüssel Fischsuppe in einem Fischerdorf, ein Teller Rentierfleisch am nächsten Tag und etwas Walfleisch am übernächsten – das sind nicht nur Geschmäcker, sondern Erfahrungen, die in Momente mentaler Ruhe verwoben sind, als ob jeder Bissen die Geschichten dieses Landes in sich trägt, Geschichten, die in Deinen Träumen Wurzeln schlagen.” 

Am Nordkap kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit Motorradfahrer an. Gianluca kam um 18.30 Uhr im Regen an. Gianni schaffte es um 10.30 Uhr morgens, wartete aber bis Mitternacht auf seinen Moment unter der berühmten Weltkugel. “Es ging nicht nur um ein Foto”, sagt er. “Es war der Moment, in dem die Reise Realität wurde. Dass ich es geschafft habe.”

Der Rückweg

Ein kleines Geheimnis bei Nordkap-Reisen: Der Rückweg ist oft länger als der Hinweg. Gianluca zum Beispiel hat die Heimreise bewusst in die Länge gezogen. “Wir wollten nicht auf schnellstem Weg nach Hause”, sagt er. “Wir sind durch Schweden, Finnland, das Baltikum, Polen, Deutschland, Österreich und durch Bozen zurück nach Livorno gefahren.”

Insgesamt? 13.157 Kilometer, 14 Länder, 31 Tage. “Die legendäre Dyna® hat nie aufgegeben”, sagt er. “Auch nicht auf 600 Kilometern durch den Regen.”

Bier und Kate haben 9.750 Kilometer zurückgelegt und und nur eine Pause eingelegt, als Kate sich in Herzogenaurach den Knöchel verstaucht hat. “Nicht auf dem Motorrad!”, betont sie.

Was das Nordkap bedeutet

Alle Motorradfahrer, die das Nordkap erreicht haben, sind sich in einem einig: Es verändert Dich. “Es ist nicht die Straße. Nicht einmal der Ort”, sagte Gianluca. “Es ist das, was man unterwegs lernt.”

Für Bier war es ein Test für seine neue Harley. “Sie hat ihn mit Bravour bestanden”, sagt er. “Und wir auch.”

Und für Gianni? “Als ich bei 71°10’21 unter der Weltkugel stand, wurde mir klar, dass ich kein Ziel verfolgt habe. Ich bin einem Gefühl hinterhergejagt. Und ich habe es erreicht.”

Also, wenn Du darüber nachdenken solltest – mach es! Pack Deine Regensachen ein, pack die Espressokanne ein und übe Dich in Geduld. Nimm Deinen Mut zusammen und fahr nach Norden. Es wird nicht einfach, aber versprochen: Es wird unvergesslich.


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