Cal Rayborns Jagd nach Rekorden

Vor über 55 Jahren hat Cal Rayborn in Bonneville einen denkwürdigen Weltrekord aufgestellt

Seit der Erfindung des Motorrads sind Fahrer, Ingenieure und Hersteller auf der Jagd nach immer neuen Rekorden. Der Geschwindigkeitsrekord für Motorräder hat eine lange Geschichte. Sie hat mit Glenn Curtis Rekord von 103,0 km/h im Jahr 1903 begonnen, und ist mit dem aktuellen Rekord von 605,7 km/h sicher noch nicht beendet. Harley-Davidson hat dieser Geschichte seinen eigenen Stempel aufgedrückt, und ein bemerkenswertes Beispiel ist der Rekord von Cal Rayborn aus dem Jahr 1970, den er mit einem Streamliner mit einem Sportster® Motor aufgestellt hat.

Cal Rayborn hat schon im Alter von acht Jahren begonnen, Motorrad zu fahren, und mit 16 bereits an Offroad-Rennen in San Diego teilgenommen. Cal, der sich selbst oft als “wild und irre” bezeichnet hat, ist anfangs sehr viel gestürzt. Sein erstes professionelles Straßenrennen, an dem er 1958 in Riverside in Kalifornien teilgenommen hat, endete fast in einer Tragödie. Cal und ein anderer Fahrer wollten beide als Erster in eine Kurve einlenken, prallten dabei gegen eine Böschung am Straßenrand und wurden in die Luft geschleudert. Mit angeknackster Wirbelsäule und einem gebrochenen Fuß musste Cal sechs Monate lang Gipsverbände tragen.

Seine Karriere war geprägt von unbeugsamem Siegeswillen, Wagemut und Entschlossenheit. 1968 stellte er einen neuen Rekord auf, als er das 100-Meilen-Straßenrennen der National Championship in Loudon in New Hampshire gewann. Den alten Rekord von 26:01 Minuten hat er dabei um fünf Minuten unterboten! Er war der erste Rennfahrer, der in Daytona, das er sowohl 1968 als auch 1969 gewann, eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 160 km/h erreichte. Nach einem Sturz in Ascot Park im Jahr 1966 trug Cal einen Gips am Bein. Entgegen der ärztlichen Anordnung, einen Monat lang kein Rennen mehr zu fahren, hat Cal den Gips mit eigenen Händen abgeschnitten und am folgenden Wochenende ein Rennen in Carlsbad gewonnen. Ein Jahr später stürzte er in Carlsbad in Führung liegend, stieg aber wieder ins Rennen ein und kam ohne Bremsen ins Ziel. Cals furchtlose Entschlossenheit machte ihn perfekt geeignet, den Geschwindigkeitsweltrekord auf dem Motorrad zu brechen.

Von 1966 bis 1970 wurde der Geschwindigkeitsrekord für Motorräder von Bob Leppan gehalten. Um seinen Rekord von 395,28 km/h zu brechen, bauten die Ingenieure Dennis Manning und Warner Riley einen 4,88 m langen Streamliner, der von einem Harley-Davidson® Sportster Motor angetrieben wurde. Das Stromlinien-Chassis wurde von Manning entworfen und gebaut, während Riley den Motor vorbereitete, dessen Hubraum er auf 1.460 ccm erhöhte. Der V2 wurde mit einem Spezialkraftstoff betrieben, den George Smith aus Viola in Wisconsin lieferte. Der Motor war direkt vor dem Hinterrad platziert, das über eine Kette angetrieben wurde.

Um in die stromlinienförmige Karosserie hineinzupassen, musste sich Cal fast waagerecht auf dem Rücken liegend hineinsetzen. Mit dem Vorderrad direkt vor sich war seine Sicht nach vorne gleich null, und er musste durch die Seitenfenster der Karosserie links und rechts die schwarzen Streifen im Auge behalten, die die Ränder der Strecke markieren. Kleine, pneumatisch betätigte Kufen vor dem Hinterrad hinderten den Streamliner im Stand und bei niedrigen Geschwindigkeiten daran umzufallen. Cal zog die Kufen ein, wenn der Streamliner 160 km/h erreichte, und fuhr sie wieder aus, wenn das Motorrad nach dem Rekordversuch langsamer wurde. Dann lehnte er die Maschine vorsichtig ein wenig zur Seite, damit die betreffende Kufe möglichst sanft Bodenkontakt bekam. Nach einem der ersten Läufe wurde die Kufe nicht vollständig ausgefahren, und als Cal die Maschine neigte, kippte sie zur Seite, und die halb ausgefahrene Kufe grub sich in die Oberfläche des Salzsees ein. Was folgte, war eine spektakuläre Reihe von seitlichen Überschlägen. Rayborn war glücklicherweise unverletzt und saß für einen weiteren Trainingslauf wieder im Cockpit, nachdem die Crew die ganze Nacht und den folgenden Tag durchgearbeitet hatte, um die entstandenen Schäden zu beheben.

Als Cal dann offiziell an der Reihe war, seinen Rekordversuch in der Salzwüste zu starten, galt es für ihn, einen neuen Rekord zu brechen. Nur ein paar Wochen zuvor nämlich hatte Don Vesco als erster Motorradfahrer der Welt die Schallmauer von 400 km/h durchbrochen. Er hatte den Weltrekord mit einem zweimotorigen Yamaha-Streamliner auf 405,01 km/h verbessert. Unbeeindruckt ging Cal am 15. Oktober 1970 ans Werk und schraubte den Weltrekord auf 410,99 km/h. Aber selbst das war ihm nicht genug, und das Team kehrte am nächsten Tag für einen weiteren Versuch zurück. In südlicher Richtung legte Cal sensationelle 429,33 km/h aufs Salz, und in der Gegenrichtung registrierte die Lichtschranke 425,17 km/h. Damit hatte Rayborn den Rekord auf 427,25 km/h verbessert.

Vier Jahre später holte sich Don Vesco den Rekord erneut mit einer Geschwindigkeit von 453,35 km/h. Tragischerweise sollte Cal nie die Chance bekommen, den Titel zurückzuerobern. Im Dezember 1973 war Cal Rayborn während eines Rennens in Neuseeland ums Leben gekommen, als der Motor seiner geliehenen Suzuki festging und er in einer Kurve gegen eine Wand prallte. Sein Tod war ein tragischer Verlust für die Motorrad-Community, und er wird als einer der größten Straßenrennfahrer aller Zeiten in Erinnerung bleiben.


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