Werde ein besserer Motorradfahrer und hab mehr Spaß beim Fahren

Zehn Verhaltensregeln, um Dich zu einem besseren und sichereren Fahrer zu machen

Text von Matt King

Die hohe Kunst des Motorradfahrens erfordert mehr, als nur Gas zu geben und besonders schnell zu fahren. Die amerikanische Motorcycle Safety Foundation unterscheidet vier verschiedene Arten von Fähigkeiten, die nötig sind: körperliche, geistige, emotionale und soziale. Natürlich muss man sein Motorrad beherrschen, aber ebenso wichtig ist es, die Straße lesen zu können, gut mit dem Verkehr zurechtzukommen, sich auf das Wetter und das Umfeld einzustellen und sich mit den anderen Verkehrsteilnehmern abzustimmen, mit denen man die Straße teilt. Jede der vier Fähigkeiten ist wichtig, aber wenn es darum geht, das Risiko zu minimieren, dann gilt es in erster Linie, seinen Verstand richtig einzusetzen.

Mentale Vorbereitung ist die Grundlage für sicheres Fahren. Aber ebenso wichtig sind ein paar bewährte Grundregeln, die man erlernen kann, um mit dichtem Verkehr, unvorhersehbaren Ereignissen, unaufmerksamen Verkehrsteilnehmern und allem anderen klarzukommen, was einem als Motorradfahrer das Leben schwer macht. Gute Fahrer verlassen sich nicht auf ihr Glück. Im Folgenden gehen wir zehn Verhaltensregeln durch, die Dir helfen können, ein selbstbewusster, umsichtiger und sicherer Fahrer zu werden und Dein Unfallrisiko zu minimieren.

Wenn Du schon einmal an einem Lehrgang der Harley-Davidson Riding Academy oder einem ähnlichen Training teilgenommen hast, wird Dir das eine oder andere wahrscheinlich bekannt vorkommen.  Wenn das so ist, dann betrachte den folgenden Text als Auffrischung und als eine Erinnerung daran, dass bestimmte Verhaltensregeln jedes Mal wichtig sind, wenn Du Dich auf Dein Bike schwingst, wie viel Erfahrung Du auch immer hast.

1. Beobachten, Bewerten und Handeln
Die grundlegendste Verhaltensregel heißt “Beobachten, Bewerten und Handeln” und bezieht sich auf die Bedeutung der mentalen Fähigkeiten (Augen und Geist) sowie der körperlichen Fähigkeiten (Hände und Füße) bei der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen über die Umgebung sowie für die Präzision und das Timing der daraus abgeleiteten Aktionen. Und das sind die drei Schritte im Detail:

  • Erstens sollte man ständig seine Umgebung beobachten und nach potenziellen Gefahren wie Verkehrsbedingungen und Straßenzustand absuchen.
  • Dann sollte man seine Beobachtungen bewerten und analysieren, um die potenziellen Gefahren zu identifizieren, und geeignete Gegenmaßnahmen planen.
  • Und schließlich sollte man die geplanten Maßnahmen entschlossen umsetzen, also handeln. Das kann unter anderem die Kommunikation mit anderen Verkehrsteilnehmern, ein Wechsel der Fahrspur oder der Fahrtrichtung, ein Ändern der Geschwindigkeit bis hin zur Vollbremsung oder das Nutzen eines Fluchtwegs sein, um Konflikte zu vermeiden und Gefahren zu entgehen.

2. Beobachten, Identifizieren, Prognostizieren, Entscheiden, Handeln
Eine um zwei Elemente erweiterte Version von “Beobachten, Bewerten und Handeln” heißt “Beobachten, Identifizieren, Prognostizieren, Entscheiden, Handeln”. Der Fahrer beobachtet sein Umfeld, identifiziert spezifische Risiken, prognostiziert, was als Nächstes passieren könnte, entscheidet sich für eine Reaktion und führt das entsprechende Manöver aus. Diese Verhaltensregel ist hilfreich für Biker, die sich eine detailliertere mentale Checkliste wünschen.

3. Die Dreiteilung der Fahrspur
Welchen Teil der Fahrspur Du als Motorradfahrer wählst, hat großen Einfluss darauf, ob Du von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen wirst und ob Du im Fall der Fälle einen Fluchtweg findest.  Als Motorradfahrer brauchst Du so wenig Platz, dass Du die Fahrspur, die Du benutzt, gedanklich dreiteilen kannst: in den linken, den mittleren und den rechten Streifen. Benutze immer den Streifen, von dem aus Du die beste Sicht hast, auf dem Du Dich nicht im toten Winkel des vorausfahrenden Fahrzeugs aufhältst und der Dir am meisten Spielraum lässt, wenn sich die Verkehrssituation vor Dir ändern sollte.

4. Die 2-4-12 Sekunden Regel
Die Einhaltung eines ausreichenden Abstandes zu den Fahrzeugen vor Dir und neben Dir gibt Dir Zeit, auf Veränderungen des Straßenzustandes oder auf das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer zu reagieren. Dies ist besonders wichtig bei risikoreichen Umständen wie vor und auf Kreuzungen, bei dichtem Verkehr, bei schlechtem Wetter oder bei eingeschränkter Sicht. Der Abstand zum Vordermann sollte je nach Situation mindestens zwei, vier oder zwölf Sekunden betragen.

  • Der Mindestabstand unter idealen Verhältnissen sollte zwei Sekunden nicht unterschreiten.
  • Vier Sekunden geben Dir meist genug Zeit, um einem unerwarteten Hindernis auszuweichen oder hinter einem stehenden Fahrzeug anzuhalten.
  • Zwölf Sekunden solltest Du für den Zeitraum vom Erkennen einer Gefahr bis zum Einleiten einer angemessene Gegenmaßnahme einkalkulieren.

5. Fluchtwege
Aufmerksame Motorradfahrer schauen und denken immer voraus, um mögliche Fluchtwege zu erkennen und für den Fall der Fälle einzuplanen. Das bedeutet, Ausschau zu halten nach freien Fahrspuren, befahrbaren Seitenstreifen, Lücken zwischen Fahrzeugen und sicheren Bremszonen, die es ermöglichen, drohende Gefahren zu vermeiden.

6. Kreuzungen
Kreuzungen sind vor allem für Motorräder Hochrisikogebiete, was Fahrzeugkollisionen angeht. Übe deshalb, ein 360-Grad-Bewusstsein dafür zu entwickeln, was vor Dir, hinter Dir und links und rechts neben Dir passiert, wenn Du Dich einer Kreuzung näherst. Rechne immer mit den Fehlern der anderen und sei darauf vorbereitet zu beschleunigen, zu bremsen, auszuweichen oder einen Fluchtweg zu nutzen, um Gefahren auszuweichen. Wähle Deine Position auf Deiner Fahrspur so, dass Dich die Fahrer anderer Fahrzeuge am besten sehen können.

7. Fahr Deinen eigenen Streifen
Du solltest Dich immer im Rahmen Deiner eigenen Grenzen und Deines eigenen Komfortbereiches bewegen und nicht versuchen, mit dem Tempo oder der Risikobereitschaft anderer mitzuhalten. Das ist besonders wichtig beim Fahren in der Gruppe. Beuge Dich nie dem Gruppenzwang und lass Dich nicht verleiten, Risiken einzugehen. Lass Dich nicht in irgendwelche Fehler treiben und fahre nicht über Deine Verhältnisse, nur weil andere bereit sind, riskanter zu fahren als Du.

8. Kurvenfahren
Wer Kurven mit der richtigen Geschwindigkeit, auf der richtigen Linie und ohne starke Lastwechsel durchfährt, der braucht keine Sorge zu haben wegzurutschen, aus der Kurve getragen zu werden oder andere unliebsame Überraschungen zu erleben. Theoretisch gibt es 27 verschiedene Linien, eine Kurve vom Einlenkpunkt über den Scheitelpunkt bis zum Ausgang zu fahren, wenn man die eigene Fahrspur wie bereits erwähnt in drei Streifen unterteilt. Die davon am meisten praktizierten sind die von außen nach innen und wieder nach außen und jene, bei der man die ganze Kurve über in der Mitte bleibt.  Am besten etscheidet man sich für die Linie, auf der man in der betreffenden Kurve am weitesten sehen kann und auf der man die gewählte Geschwindigkeit ohne Risiko beibehalten kann.

9. Selbsteinschätzung
Lernen, sich selbst einzuschätzen, ist so ziemlich das Beste, was man tun kann, wenn man Motorradfahrer werden will. Für Motorradfahrer ist es extrem wichtig, die eigene körperliche und seelische Verfassung vor jeder Fahrt richtig einzuschätzen, weil Faktoren wie Müdigkeit, Stress, Emotionen, Alkohol und andere Ablenkungen das Risiko entscheidend beeinflussen. Wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind, ist es am sichersten, die geplante Fahrt zu verschieben oder abzusagen. Selbsteinschätzung muss ein fortlaufender Prozess sein – nicht nur vor, während und nach jeder Fahrt, sondern während der gesamten Zeit, in der man ein Motorradfahrer sein will.

10. Schutzkleidung
Es gibt einen wichtigen Spruch, der Dir hilft zu entscheiden, was Du beim Motorradfahren tragen solltest: “Zieh Dich nicht zum Fahren an, sondern zum Stürzen.” Nur wenn Du bei der Wahl Deiner Kleidung nicht nur an Dein Aussehen und an Deinen Komfort denkst, sondern auch an Deine Sicherheit und an Deine Sichtbarkeit, bist Du wirklich optimal auf alles vorbereitet, was die Straße und das Wetter Dir an Überraschungen bieten können. Denk immer daran: Es gibt keine schlechten Fahrten, sondern nur schlechte Ausrüstung!

Alles zusammengefasst
Gemeinsam unterstreichen diese Verhaltensregeln die Kernbotschaft der Motorcycle Safety Foundation: Sicherheit beim Motorradfahren hängt nicht nur von der Fahrzeugbeherrschung und von der Erfahrung ab, sondern auch vom Bewusstsein, vom Urteilsvermögen und von disziplinierter Entscheidungsfindung. Wenn das alles zusammenkommt, bewirkt das Motorradfahren ein Glücksgefühl, das nur wenige andere Aktivitäten bieten können.

Matt King ist ein ehemaliger Chefredakteur der Magazine HOG® und The Enthusiast® sowie ein von der Motorcycle Safety Foundation zertifizierter Instruktor der Harley-Davidson Riding Academy.


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